Medien

Artikel übers Doldertal

Die Menschen werden immer älter. Die Zahl der Demenzkranken steigt. Alzheimer ist zum Medienthema geworden. Zeitungen, Radio und Fernsehen berichten – auch über das Spezialalterszentrum Doldertal. Ein Auszug an erschienenen Artikeln.

Von der alten Tante bis zum Schweizer Fernsehen

NZZ

Wundersame Welt am Stadtrand

Am Zürichberg, am Rand eines prächtigen Villenquartiers, führt das Amt für Altersheime der Stadt Zürich ein Haus, das speziell auf die Bedürfnisse dementer Menschen ausgerichtet ist.

Im Altersheim Doldertal leben 27 Pensionärinnen und Pensionäre, von denen die meisten an Alzheimer leiden. Die Krankheit macht eine intensive soziale Betreuung nötig und verlangt vom Personal viel Geduld, Toleranz und Flexibilität. Ebelstrasse 29 am Zürichberg, ein stattliches, rund 100-jähriges Bürgerhaus, an dem von aussen nur eines auffällt: Durch den weitläufigen, dicht bewachsenen Garten mit den hohen Bäumen führt ein Spazierweg mit einem Geländer, und ringsherum ist das Anwesen mit einem Drahtgeflecht eingezäunt. Sonst weist nichts darauf hin, dass in dem Haus ganz spezielle Menschen wohnen. Menschen, von denen die meisten an Alzheimer leiden und die deshalb auf eine besondere Betreuung angewiesen sind; Menschen, deren Wahrnehmung sich im Alter verrückt hat, für die gesellschaftliche Normen keine Bedeutung mehr haben und deren Wirklichkeit sich von der unseren unterscheidet.

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Wer den Fuss über die Schwelle des Hauses setzt, tritt ein in eine wundersame Welt aus lauter Individualisten, die in mehr oder weniger grosser Verwirrung leben und denen das Verständnis für die sogenannte Normalität abhanden gekommen ist. Man begegnet Rentnerinnen und Rentnern, die strammen Schrittes durch die Korridore wandern oder einfach nur dastehen und Besucher mit grossen Augen schweigend anstarren. In der Cafeteria sitzt ein alter Mann allein an einem Tisch, den Blick durch ein rundes Vergrösserungsglas auf eine Zeitung gerichtet, um wenig später in sich selbst versunken wegzuschlurfen. Im Fernsehzimmer haben sich einige Pensionäre zusammengefunden, die nichts tun ausser zu sitzen. Kein Wort wird gewechselt, keine Geste verrät eine Gefühlsregung. Die Atmosphäre ist von einer bedrückenden Neutralität, die tatsächliche Stimmungslage für einen Aussenstehenden nicht fassbar.

Differenzierte Wohnform

Bis vor zwei Jahren war das Altersheim Doldertal ein konventionelles Zuhause für ältere Leute. Im Bestreben, differenzierter auf die unterschiedlichen Bedürfnisse betagter Personen einzugehen, hat das Amt für Altersheime das Haus im November 1997 einer neuen Bestimmung zugeführt. Seitdem ist es ganz auf die Betreuung von mehr oder weniger dementen, körperlich aber nicht pflegebedürftigen alten Menschen ausgerichtet. Dies bedeutet zum Beispiel, dass mit 14 Mitarbeitern für 27 Pensionäre mehr Personal als anderswo beschäftigt wird. Die Betreuung von Alzheimerkranken erfordert vom Personal ein grosses Mass an Flexibilität, Geduld und Toleranz. Jede Erkrankung, sagt Heimleiter Peter Küffer, äussere sich individuell, das Verhalten der Pensionäre sei oftmals überraschend und ändere sich von Tag zu Tag. Demzufolge gibt es im Doldertal keine fixen Tagesstrukturen, an die sich die Bewohner anzupassen hätten; Aufstehen und Frühstücken ist beispielsweise bis zur Mittagszeit möglich, und Nachtwandler werden vom Personal nicht ins Bett gezwungen, sondern abgelenkt und beschäftigt, bis sich der Schlaf von selbst einstellt.

Das Hauptziel ist gemäss Aussagen des Heimleiters, die Autonomie der Bewohner möglichst gut zu gewährleisten; dazu gehöre, noch vorhandene Stärken zu fördern. So steht Alzheimer zwar für eine fortschreitende Hirnleistungsstörung, doch sind die meisten Pensionäre körperlich gesund und haben einen grossen Bewegungsdrang. Damit sie diesen auch ausleben können, dürfen sie sich im Heim und auf dem gesicherten Spazierweg im Garten jederzeit frei bewegen. Als Beispiel, wie individuell auf die Menschen eingegangen wird, führt Peter Küffer eine Bewohnerin an, die das Bedürfnis hatte, zu Fuss grössere Ausflüge ausser Haus zu unternehmen. Für den Fall, dass sie den Weg zurück nicht mehr finden würde, erhielt sie vom Personal eine Anzahl Visitenkarten, die sie an andere Spaziergänger abgeben konnte. Mit dem Taxi liess sich die Pensionärin jeweils auf eigene Kosten ins Heim chauffieren.

Überforderung der Angehörigen

Die Betreuung verwirrter Personen innerhalb der eigenen Familie erweist sich in vielen Fällen als sehr schwierig, und die Not der Angehörigen gipfelt oft in der totalen Überforderung. Diese Erfahrung haben auch die Töchter von Anneliese Wäch gemacht. Die 80-Jährige lebt seit eineinhalb Jahren im Altersheim Doldertal, nachdem sie zuvor ihren eigenen Haushalt geführt und nach Feststellung der Alzheimerkrankheit ein halbes Jahr lang bei einer der Töchter wohnte. Die Diagnose bedeutete sowohl für die Erkrankte selbst als auch für ihre Angehörigen eine Entlastung, da sie die zunehmende Vergesslichkeit endlich einordnen konnten. Bis dahin erlebte die Familie aber ein ständiges Auf und Ab. Die Töchter nahmen die Zerstreutheit ihrer Mutter zwar wahr und konfrontierten sie damit, doch fanden sich lange Zeit vernünftig klingende Ausflüchte, mit denen sich der Gedanke an eine ernsthafte Erkrankung wieder verdrängen liess. «Begonnen hat es damit, dass uns die Mutter nicht mehr angerufen hat», erinnern sich die beiden Frauen. «Wenn wir bei ihr zu Besuch waren, kochte sie keinen Kaffee, sie sprach fast gar nichts mehr, und die schmutzige Wäsche liess sie einfach liegen. Hatte sie wieder einmal einen Termin vergessen, so suchte sie nach einer Ausrede.» Stutzig wurden die Töchter etwa, als Anneliese Wäch nicht mehr wusste, wie man Socken strickt; eine Fertigkeit, die ihr vorher immer geläufig gewesen war. Einfachste Alltagsverrichtungen wie das Ein- und Ausschalten von Radio und Fernseher wollten nicht mehr gelingen, die Mutter verlor unzählige Male ihre Schlüssel, zog zwei Jupes übereinander an und verliess morgens um 4 Uhr das Haus, um zum Coiffeur zu gehen. In der Zeit, als die Mutter bei der Tochter lebte, vollzog sich zwischen den beiden ein Rollentausch. Die Tochter fühlte sich plötzlich gezwungen, ihre Mutter zu «erziehen»; ein Phänomen, das in Familien mit Alzheimerkranken keine Seltenheit ist. Die Betreuung der Mutter, die praktisch rund um die Uhr beaufsichtigt werden muss, und die verzwickte Beziehung zu ihr wurden für die Tochter zur allzu grossen Belastung.

Bedarf noch nicht gedeckt

Das Doldertal ist bisher die einzige Einrichtung dieser Art in der Stadt Zürich; daneben gibt es Stationen fuür demente Menschen in einzelnen Krankenheimen. Gemäss Darstellung von Susanne Lüssi, Abteilungsleiterin im Amt für Altersheime, wäre die Nachfrage nach weiteren solchen Häusern vorhanden, was sich auch an der Warteliste zeige. Man rechne damit, dass ein bis drei Prozent der Gesamtbevölkerung an Demenz erkrankt seien, und gleichzeitig erreichten immer mehr Menschen dank medizinischen Fortschritten ein höheres Alter. Zum typischen Verlauf der Alzheimerkrankheit gehört allerdings, dass irgendwann zusätzlich zum geistigen Abbau auch der körperliche Zerfall einsetzt, der oft sehr rasch zum Tod führt. Für die Patienten im Doldertal kommt eine Verlegung in eine andere Einrichtung in dieser Phase meist nicht mehr in Frage. Sie treten, aus dieser wundersamen Welt, ihre letzte Reise an.

Der Artikel erschien in der Neuen Zürcher Zeitung, 3. Januar 2000

Visit

Schrittweises Abschiednehmen

Demenz verändert das Leben von Betroffenen und Angehörigen rasch und endgültig. Vor sechs Jahren erkrankte der Mann von Eva Wagner. Ein Besuch im Altersheim Doldertal in der Stadt Zürich, wo Jürg Wagner heute lebt.

Hinter der imposanten Villa mit Terrassen und Erkern beginnt der Dolderwald. In dieser Idylle am Rande der Stadt leben 28 Personen, die an Demenz erkrankt sind. Eva Wagner stellt ihren Mann vor. Im Garten gibt es Kaffee und Kuchen: Zielstrebig geht sie vorn, während Jürg Wagner an meiner Seite bleibt. Er pfeift vor sich hin, immer dieselben Töne. Doch als das Gespräch am Kaffeetisch beginnt, bricht das Pfeifen ab. Eva Wagner erklärt: «Er pfeift, wenn er von dem, was ringsum geschieht, nicht absorbiert ist.»

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Grosse Veränderungen

Jürg Wagner lebt seit eineinhalb Jahren hier. In seinem Zimmer hängen Porträts von James Joyce und Elias Canetti, auf der Kommode stapeln sich Zeitschriften. Der heute 66-Jährige war Rektor eines Zürcher Gymnasiums, Direktor der Volkshochschule im Kanton und engagierter Oberst im Militär. «Vor sechs Jahren zeigten sich die ersten Anzeichen der Krankheit», erzählt seine Frau. «Er hatte Mühe, sich zu orientieren und entwickelte irrationale Ängste.» Mit 61 ging er in Frühpension. Schon bald gelang es ihm nicht mehr, den Computer zu bedienen, Cello zu spielen, Auto zu fahren. «Wenn etwas nicht mehr ging, reagierte er aggressiv.» Seine Sprache wurde karger, und was er erzählte, klang immer verwirrter, bis er vor zwei Jahren praktisch ganz zu reden aufhörte. Eva Wagner sagt rückblickend: «Am meisten zu schaffen machten mir die Veränderung seines Charakters und die Wahnvorstellungen, die ihn plagten.» Dazu zermürbten sie Fragen wie die, ob der Sohn die Krankheit erben könnte. «Und natürlich war es hart, all die Pläne für die Zeit nach seiner Pensionierung zu begraben.»

Zulassen können

Erst drei Jahre nach den ersten Anzeichen der Krankheit liess ihr Mann zu, dass eine spezifische Abklärung gemacht wurde. Die Krankheit war bereits so weit fortgeschritten, dass gemeinsame rechtliche und finanzielle Entscheidungen nicht mehr möglich waren. «Seine Unruhe wurde grösser, und er zeigte in den Himmel und sagte, dass er gehen wolle.» Eva Wagner deutete es als Suizidgedanke. Die Betreuung wurde intensiver, und sie konnte ihren Mann nicht mehr allein lassen. «Ich war erschöpft, und wir lebten immer isolierter», erzählt die 64-Jährige und fügt hinzu: «Es war ein schrittweises Abschiednehmen.» Nach einem ersten Besuch im Altersheim Doldertal wurde er in der Psychiatrischen Klinik nochmals gründlich abgeklärt. Eine Medikamenteneinnahme, um den Krankheitsverlauf zu verlangsamen, scheiterte an den starken Nebenwirkungen.

Den Ursachen der Veränderungen auf den Grund gehen

Bernadette Meier, Leiterin Pflege im Doldertal, betont: «Es ist sehr wichtig, Demenz bereits bei den ersten Anzeichen abzuklären: So haben Angehörige und Betroffene Gewissheit und noch etwas Zeit, sich auf die Veränderungen vorzubereiten. In der Schweiz leiden rund 100’000 Personen an einer Demenz, der grösste Teil von ihnen an Alzheimer, jährlich kommen 22’000 neue Betroffene dazu. Die Diagnose bedeutet, dass die Fähigkeiten Erinnern, Verstehen und Planen nach und nach verloren gehen.

Schonraum im Heim

«Der Heimeintritt war der richtige Entscheid», sagt Eva Wagner heute bestimmt. «Trotzdem war es damals wie ein kleines Sterben, obwohl ich ihn als Person ja schon lange vorher verloren hatte.» Jürg Wagner isst mit sichtlichem Genuss den Schokoladekuchen. Seit er im Heim ist, gab es nie ein Anzeichen, dass er nach Hause zurückkehren möchte. «Er ist hier ruhiger und gelassener», sagt Eva Wagner. «Das Heim bietet einen Schonraum: er ist nicht mehr mit dem schwierigen Alltag konfrontiert, der vorher überall präsent war.» Jeden zweiten Tag verbringt sie den Nachmittag im Heim: dann gehen sie zusammen spazieren, schauen Zeitungen und Fotos an oder hören klassische Mu-sik. Sie ist sich sicher, dass er sie noch erkennt. Als sie ihm erklärt, dass er heute mit einer freiwilligen Helferin spazieren geht, fragt er: «Und Du?»

Im Doldertal herrscht eine familiäre, fröhliche Atmosphäre. Auf die Frage, ob es einen «richtigen» Zeitpunkt für den Heimeintritt gibt, antwortet Bernadette Meier: «Meist erfolgt der Eintritt zu spät: Demenzkranke fühlen, wenn die Betreuenden überfordert sind und leiden unter der Isolation, welche die Krankheit oft mit sich bringt.» Rund 60 Prozent der Demenzkranken werden zu Hause gepflegt. Die Gefahr der Überforderung ist gross: Fast die Hälfte der Pflegenden erkrankt selber.

Wertschätzende Haltung

Die Betreuung von Demenzkranken erfordert Flexibilität, Geduld und Einfühlung. «Das Wichtigste ist, dass die Erkrankten nicht dauernd mit ihren Defiziten konfrontiert werden», erklärt die Leiterin Pflege. «Wir versuchen sie immer dort abzuholen, wo sie gerade stehen.» Im Heim gibt es keine vorgegebene Tagesstruktur, und die Pensionäre können sich im Haus und im umzäunten Garten frei bewegen. Jeder Pensionär erhält zwei Bezugspersonen zugeteilt: So entsteht eine konstante Beziehung zum Erkrankten und zu den Angehörigen. Mit Fotos, Musik, Tanz, Düften werden über die Gefühle und Sinne Erinnerungen angesprochen. «Viele erinnern sich an die Kindheit und an das Elternhaus, manchmal an Geschwister oder an den Beruf, weniger an die Kinder oder Ehepartner.» Die Pensionäre bleiben bis zum Lebensende im Doldertal.

Um ihre Wertschätzung für diese grossartige Leistung zu zeigen, gründete Eva Wagner zusammen mit Fachleuten den Verein «Freunde Altersheim Doldertal». «Unser Ziel ist eine ideelle und materielle Unterstützung des Heims», erklärt sie. Der Verein organisiert Einladungen und Vorträge und spricht Freiwillige an, regelmässig mit Pensionären Zeit zu verbringen und so die Pflegenden zu entlasten. Die intensive Betreuung im Doldertal hat ihren Preis: 9’000 Franken kostet durchschnittlich ein Platz im Monat. Vereinsgelder sollen ermöglichen, Wünsche ausserhalb des Budgets zu erfüllen und die Villa baulich an die Bedürfnisse der Pflege anzupassen. «Wir möchten wenigstens einen kleinen Beitrag leisten, dass eine solche familiäre Spezialbetreuung in Zukunft erhalten bleibt und nicht weggespart wird», betont Eva Wagner. 

Der Artikel erschien im Magazin Visit, Ausgabe 4/2007

Tagi

Ohne Scheuklappen für Demenzkranke

Ein privater Verein unterstützt das städtische Altersheim Doldertal. Davon profitieren die 28 demenzkranken Bewohner.

Auf der einen Seite grenzt die imposante Villa aus den 1920er-Jahren an den Dolderwald, auf der andern befindet sich die wenig befahrene Ebelstrasse. Hier, inmitten anderer prächtiger Zürichberg- Villen, residieren weder Abkommen eines altehrwürdigen Zürcher Geschlechts noch neureiche Banker. Hier befindet sich ein städtisches Altersheim. Allerdings kein gewöhnliches. Im Altersheim Doldertal wohnen nur demenzkranke, aber noch mobile Seniorinnen und Senioren. Sie werden nicht nur von städtischen Angestellten betreut, sondern zusätzlich von einem potenten privaten Verein unterstützt, in dem die Alt-Stadträte Monika Weber und Thomas Wagner vertreten sind.

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Wäre das Anwesen nicht mit einem Maschendrahtzaun versehen und die Haustür nicht von innen her verschlossen, würde nichts darauf hindeuten, dass hier ausschliesslich spezielle Menschen leben. Menschen, die meistens an Alzheimer erkrankt sind, deren Wahrnehmung sich im Alter verschoben hat und deren Wirklichkeit sich von der unseren unterscheidet. Der Garten ist prächtig, nicht nur im aussergewöhnlichen April 2007. Das Personal verbreitet eine heitere und familiäre Stimmung, obschon die älteren Heimbewohner intensiv gepflegt werden müssen. Es gibt keine festen Tagesstrukturen, weil sich das Verhalten der Pensionäre von einem Tag auf den andern verändern kann. «Wir wollen jedem seinen eigenen Rhythmus lassen», sagt die Leiterin der Betreuungspflege, Bernadette Meier. «Dazu braucht es sehr viel Flexibilität, Geduld und Einfühlungsvermögen.»

Das älteste Altersheim von Zürich

Wenn es schön und warm ist, wie am letzten Samstag, zieht es auch die Heimbewohner ins Freie. Sie sitzen im Garten, wo das Personal gerade Kuchen und Kaffee auftischt. Ein Mann fällt auf, weil er pausenlos vor sich hinsummt, kein Lied, nur zwei Töne, mal lauter, dann wieder leiser, immer diesel- ben monotonen Töne. Plötzlich hebt er den Arm und zeigt ganz aufgeregt in den Himmel. Dort fliegt ein Flugzeug und hinterlässt einen weissen Kondensstreifen. Es handelt sich um Jürg Wagner (67), einst ein bedeutender Mann in Zürich. Er war Flab-Oberst, Rektor der Kantonsschule Rämibühl und Direktor der Volkshochschule Zürich. Seit anderthalb Jahren ist er im Doldertal. Seine Frau Eva Wagner, ehemalige FDP-Kantonsrätin, hat ihn so lange zu Hause betreut, bis es einfach nicht mehr ging. Mit schlechtem Gewissen hat sie ihn schliesslich ins Spezialaltersheim am Zürichberg eingewiesen. Heute ist sie erleichtert. «Es gefällt ihm», sagt sie. «Er hat ein eigenes Zimmer mit Schlüssel, wird respektiert, und die Pflege ist wunderbar.»

Jürg Wagner ist einer von 28 Hausbewohnern. 18 Pflegerinnen und Pfleger bemühen sich um sie, das Doldertal verfügt über 26,5 Stellen. Wer einmal ins Heim aufgenommen wird, bleibt bis zum Tod. «Wir wollen diesen Menschen den Stress eines abermaligen Umzuges in ein Pflegeheim ersparen», sagt Meier. Alzheimerpatienten brauchen viel Bewegung und Abwechslung. Im Doldertal werden sie animiert, kleine Arbeiten auszuführen, Blumenzwiebeln zu setzen, Tische zu decken. «Wir versuchen diese Menschen auf einer gefühlsmässigen Ebene abzuholen, ihre Sinne zu stimulieren, damit sie nicht nur in Apathie verfallen», sagt Meier.

Veranstaltungen und Vorträge

Das Doldertal ist das älteste Altersheim der Stadt. Zum Altersheim für Demenzkranke wurde es vor zehn Jahren. Eva Wagner hat den privaten Unterstützungsverein vor einem halben Jahr gegründet. «Wir wollen ideelle und materielle Unterstützung leisten.» Die Zusammenarbeit mit der Stadt klappt hervorragend. «Es ist doch ein Fortschritt, wenn Private mit der Stadt ohne ideologische Scheuklap- pen zusammenspannen», sagt die Freisinnige. Kommt dazu, dass die Pflege nicht nur intensiv, sondern auch sehr teuer ist. Ein Platz im Doldertal kostet im Durchschnitt 9'000 Franken pro Monat. «Um zu verhindern, dass die Kosten noch stärker explodieren, suchen wir freiwillige Mitarbeiterinnen», sagt Wagner. «Es geht vor allem darum, mit Pensionären spazieren zu gehen, Einkäufe zu tätigen oder sie zu unterhalten.» Das langfristige Ziel ist es, das Doldertal zu einem Kompetenzzentrum für die Alzheimerbetreuung zu etablieren. Deshalb will der Verein mit Veranstaltungen und Vorträgen an die Öffentlichkeit treten.

Der Artikel erschien im Tages Anzeiger vom 30. April 2007

WOZ

Derniere im Heim

Das Leben im Demenzaltersheim ist nicht gar so tragisch, wenn man Demenzkranke sich selber sein lässt. Im Doldertal in Zürich geht das Pflegepersonal auch mal auf Augenhöhe mit den Patientinnen und Patienten.

Hier braucht es Geduld. Ehrlich gesagt, viel Geduld. Nur schon für die Morgentoilette. Frau N. sitzt auf dem Bettrand mit einem Plüschtier auf dem Schoss. Hinter ihr im Bett eine Puppe, die sie fürsorglich zudeckt, immer wieder. Die Pflegefachfrau tritt ins Zimmer und nimmt Kontakt auf. Dafür geht Nicole Haas-Clerici in die Hocke, begrüsst Frau N. deutlich mit Namen, berührt sie, streichelt sie und blickt sie intensiv an. Nach der Kontaktaufnahme gehts ans Zähneputzen. Frau N. ist ständig abgelenkt, widmet sich ihrer Puppe, streicht das Nachthemd glatt oder blickt irgendwohin. Zwischendurch murmelt sie vor sich hin, ein «Jajajajaja» in sinkender Tonfolge, das sich wie der Versuch anhört, am Geschehen teilzunehmen. Oder wie ein Ausdruck des Erduldens ihres Alltags. Nicole Haas-Clerici versucht immer wieder, die Aufmerksamkeit auf die Morgentoilette zu lenken, und erklärt den nächsten Schritt. Ab und zu macht sie vor, was zu tun sei, mit der Absicht, dass Frau N. es nachmacht. Zum Beispiel die Handbewegung beim Zähneputzen. Der Aktivierungsversuch fruchtet nicht immer, was der Pflegefachfrau gelegentlich ein Schmunzeln entlockt. «Wenn ich hier zur Arbeit antrete, muss ich mich innerlich entschleunigen», sagt Haas-Clerici. Auf Tempo und Drängeln reagierten die demenzkranken Menschen mit Unruhe und Aggressionen, dann gehe eben gar nichts mehr. Sie zwingen eine Langsamkeit auf. Nachdem Frau N. ihre Kleider angezogen, ihr Haar gekämmt und der Schmuck angelegt ist, geht es hinunter in den Saal zum Frühstücken.

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Im Stadtzürcher Altersheim Doldertal leben 28 Menschen mit Demenz. Sie sind zwischen 58 und 96 Jahre alt und hier, weil sie entweder nicht mehr alleine oder nicht mehr zusammen mit den pflegenden Angehörigen leben können. Zwanzig von ihnen sind Frauen. Der höhere Frauenanteil ist einfach erklärt: Frauen werden älter als Männer, und Demenzkrankheiten nehmen mit dem Alter zu. Das Gebäude ist in den zwanziger Jahren als Pension für russische Medizinstudenten errichtet worden und liegt am Zürichberg – dort, wo die Menschen lieber für sich leben und nicht gerne mit Fremdem konfrontiert werden. Seit 1996 richtet sich das Altersheim ganz auf demenzkranke Menschen und ihre manchmal eigenartigen Bedürfnisse ein. Zu diesen Bedürlnissen gehört, sich viel zu bewegen - möglichst ohne sich zu verlieren. Im Doldertal haben die Gänge auf jedem Stockwerk eine andere Farbe, Toiletteneingänge sind blau gestrichen und wie alle Räume mit grossen Lettern beschriftet. An den Wänden hängen Fotografien mit Wiedererkennungseffekt – der brennende Sechseläuten-Böögg, das Grossmünster, der Zirkus Knie. Durch einen kleinen Wintergarten gelangt man hinaus in einen hübschen, eingezäunten Garten mit dem sogenannten Rundgang. Der Rundgang ist ein schmaler Fussweg, der sich rund um die Sonnenseite des Altersheims schlängelt und hinten durch die Lingerie wieder ins Heim führt. Auf diesem Weg gelangen die Bewohner nach ihrem «Ausflug in die Stadt» automatisch wieder nach Hause zurück. Besucher wiederum sind erstaunt, wie offen sie über die automatische Schiebetüre empfangen werden und wie schwierig es dann ist, das Haus wieder zu verlassen.

Zurück in die Kinderstube

Möglichst frei machen zu können, wozu sie Lust haben und noch fähig sind, ist der grosse Luxus für Menschen, die mit ihrem Tun und Lassen anderen zur Last fallen, sich selber oder andere gefährden. Im Doldertal wohnen fast alle in einem Einzelzimmer, das mit ihren privaten Möbeln und Gegenständen eingerichtet ist. Doch das eigene Zimmer verliert an Bedeutung. Die Bewohnerinnen und Bewohner sehnen sich nach Gesellschaft. Zweimal pro Woche kocht ein kleines Grüppchen im Stübli ihr Mittagessen. Praktisch alle halten sich unten im Gemeinschaftsraum auf oder schreiten die Gänge auf und ab. In der Nacht geht hin und wieder jemand an den Kühlschrank im Speisesaal. Einer der Bewohner schläft nachts oft lieber auf dem Sofa im Stübli. Für Raucherinnen und Raucher ist im Wintergarten eine Raucherecke eingerichtet, Brandlöcher übersäen die Tische, die Feuerzeuge sind angekettet. Das Doldertal soll für alle ein schönes letztes Zuhause sein, wo Menschen bis zum Schluss möglichst sich selber sein können, so die Heimleiterin Brigitte Meister. Denn jede und jeder lebt hier in der eigenen Welt. Oder genauer gesagt: in einer eigenen vergangenen Welt.

Die Fachsprache nennt dies Retrogenese, das schrittweise Zurückfallen in die Kindheit. Dort ist Frau K. angekommen. Sie lebt in der Oase, einem Viererzimmer für Bewohner in einem fortgeschrittenen Stadium der Demenz.Im Gegensatz zu anderen Winkeln im Haus ist es hier bewusst ruhig und gedämpft. Vieles erinnert an ein Kinderzimmer: die gelben Wände, die dunkelblaue Zimmerdecke, die Bilder mit Katzenmotiven, die Baldachine aus transparentem Stoff, die Schaukel auf dem verglasten Balkon, die Puppen und Plüschtiere. Die Körperpflege geht be Frau K. nur noch im Liegen, begleitet von einer Melodie aus einer Spieldose. Über dem Bett dreht sich ein Mobile mit rosaroten Federn. Es bringt etwas Bewegung in ein Leben, das sich oft in stundenlangem Starren an die Decke erschöpft. Zum Frühstücken hebt Nicole Haas-Clerici Frau K. aus dem Bett und setzt sie an den Tisch nebenan. Frau K. wirkt sehr steif und hat ihre Augen zugekniffen, als wolle sie von ihrer Umgebung nichts mehr wahrhaben. Die Pflegefachfrau reicht ihr ein Milchfrappé in einem fluoreszierenden Plastikbecher. Sie drückt ihn in ihre Hand und führt diese langsam zum Mund, wonach Frau K. selbständig kleine Portionen schluckt. Vanillegeschmack, süss, das erinnert ein wenig an die Muttermilch. Danach ein Birchermüesli. Den Löffel lässt Haas-Clerici plötzlich im Mund von Frau K. stecken und erklärt: «Ich könnte sie schnell füttern und fertig. So aber versuche ich, die noch vorhandenen Ressourcen zu aktivieren.» Was diesmal nicht klappt: Der Löffel bleibt im Mund, Frau K. will ihn heute nicht selber herausnehmen.

Die Rollen mitspielen

In der Demenzbetreuung verabschiede man sich heute vom Realitätsbezug, erklärt Bernadette Meier, Pflegeleiterin im Doldertal. Demenzkranke werden nicht zurechtgewiesen, ihnen muss nichts mehr beigebracht werden, man tadelt sie nicht. Vielmehr fragt man sich: In welcher Welt steckt sie oder er, wo muss ich die Person abholen? Meier gibt ein Beispiel: Herr M. war jahrzehntelange Patron einer Firma. Jetzt lebt er ausschliesslich in seiner Arbeitswelt, für ihn pressierts, für ihn müssen Menschen chrampfen. Entsprechend spitz fallen seine Bemerkungen aus. «Wir bestätigen seine Ansichten, klagen mit ihm darüber, wie faul alle sind und so weiter», so Meier. Kranke sollen ihre Defizite nicht mehr spüren, eine möglichst grosse Autonomie erfahren und sich wohl fühlen. Dazu gehört auch der massvolle Einsatz von Medikamenten, seien es beruhigende oder schmerzstillende.

Die meisten Menschen sind in einen Lebensabschnitt zwischen zwei und 25 Jahre zurückversetzt, was auch erkläre, weshalb sie ihre eigenen Kinder meist nicht wiedererkennen, dafür oft zu ihren Eltern nach Hause wollen. Für Meier ist der Alltag eine Herausforderung, manchmal traurig, aber auch schräg und erheiternd. Jedenfalls kräftezehrend: Mit den Demenzkranken ist der für uns übliche, von der Vernunft geprägte Umgang nicht mehr möglich. Eine Beziehung lässt sich oft nur noch über den Austausch von Gefühlen herstellen, was dem Pflegefachpersonal viel abverlangt. Die meisten Angestellten arbeiten daher Teilzeit und brauchen zwischendurch eine längere Auszeit. «Es geht hier den ganzen Tag zu wie auf der Theaterbühne, und wir spielen die Rollen mit, in die unsere Bewohner geschlüpft sind», so Bernadette Meier.

Zum Mittagessen kommen fast alle in den grossen Speisesaal. Eine Bewohnerin wartet dort schon seit einer Stunde artig und beinahe regungslos. Sie fällt auf mit ihrem Kleid, den schicken Schuhen, ihrer eleganten Körperhaltung und ihren beiden Händen, die gefaltet auf dem Handtäschchen ruhen. Sie könnte auch in einem Café vor ihrer Schale Gold sitzen. Für einige BewohnerInnen muss ein Pfleger nun das Essen im Teller in mundgerechte Häppchen zerlegen. Andere essen selbstständig, wenn auch mitunter sehr langsam. Eine Frau am Tisch beginnt damit, die Erbsen unter den Kartoffelgratin zu verstecken. Bissen für Bissen arbeitet sie sich durch den Gratin, um auf die versteckten Erbsen zu stossen, die sie schliesslich einzeln aufgespiesst zum Mund führt. Nach einer Stunde ist der Teller immer noch nicht leer. Frau B. dagegen speist mit grossem Vergnügen und lobt die Küche über alles. Der Teller ist rasch leer gegessen, und ihr bleibt der Seufzer, dass dies nun auch schon wieder vorbei sei. Kurz darauf fragt sie aufrichtig nach, ob sie schon gegessen habe. Eine Pflegefachperson erklärt später die Situation: Frau B. esse nicht nur gern, sie besitze auch kein Sättigungsgefühl, weshalb das Personal aufpassen müsse, dass sie sich nicht mehrfach bediene, möglicherweise auch aus den Tellern ihrer Nachbarinnen.

Anfänglich unglücklich

Das gängige Bild der willenlosen Wesen trifft auf die Demenzkranken im Doldertal nicht zu. Im Gegenteil: Jede Bewohnerin, jeder Bewohner ist eine ausgeprägte Persönlichkeit. Es ist Nachmittag, einige legen sich hin, decken sich zu und machen ein Nickerchen; jemand setzt sich ans Klavier und spielt. Nicole Haas-Clerici gesellt sich zum achtzigjährigen Herrn K. auf dem Sofa im Speisesaal, sie tauschen Zärtlichkeiten aus, verbal und durch Berührungen. Zusammen mit ihr schaut Herr K. sich das Kinderbuch vom kleinen und vom grossen Hasen an, lässt sich einige Stellen vorlesen. Immer wieder kommentiert er die Geschichte, zeigt sich erstaunt über deren Fortgang oder freut sich über die plötzliche Wendung. Seine Stimme klingt kräftig, er spricht ein klares, fast bühnenhaftes Hochdeutsch.

Herr K. war Schauspieler. Eines Tages vergass er seine Texte, so machte sich die Krankheit bemerkbar. Weil er kurz zuvor eine schwere Herzoperation hatte, vermutete man darin die Ursache. Doch 2002 erbrachte eine Abklärung im Unispital Zürich die Diagnose Alzheimerkrankheit gemischt mit einer gefässbedingten Demenz. Immer öfter blieb Herr K. bei seiner getrennt wohnenden Lebenspartnerin, die schliesslich die Wohnung komplett umstellte, damit er bei ihr einziehen konnte. Nach sechs Jahren meldete sie ihn im Doldertal an. Dann ging alles ganz schnell, nach drei Monaten bereits war ein Platz frei. Das Tempo sei für beide schwierig gewesen, erzählt die Lebenspartnerin. Grosse Schuldgefühle hätten sie geplagt, während er im Heim anfänglich sehr unglücklich gewesen sei. Sie besucht ihn täglich, manchmal geht er übers Wochenende zu ihr nach Hause. Die ausgezeichnete Betreuung habe sie schliesslich davon überzeugt, dass er am richtigen Platz sei. Unterdessen sei auch er im Doldertal angekommen, ihm gefalle es jetzt.

Man sieht Herrn K. das Alter nicht an, er ist ein ausgesprochen galanter, liebenswürdiger Mensch, bedankt sich für alles und benutzt noch immer die Fertigkeiten, mit denen er sein Leben bestritten hat: die gepflegte Sprache, den gewählten Ausdruck, die präzise Mimik. Haas-Clerici fordert ihn auf, Wilhelm Buschs Liebesgedicht vom Bächlein vorzutragen. Er tut es mit unglaublicher Verve, gekonnt und fehlerfrei. Nach vielen heiteren Erlebnissen im Doldertal gehört dieser Moment zu den nachdenklichen: Man hat einen erwachsenen Menschen vor sich, dem man die Krankheit nicht ansieht, von dem man erahnen kann, was er in seinem Leben alles zustande gebracht hat. Jetzt aber ist das Hirn geschrumpft, vieles ist unwiderruflich verloren.

Der Artikel erschien in der Wochenzeitung WOZ vom 30. Oktober 2008

SRF

Der Bericht erschien in Gesundheit Sprechstunde vom 22. Mai 2010.

Züriberg

Ein Zuhause für Menschen mit Demenz

Das Haus Doldertal wird dieses Jahr 100 Jahre alt. Seit 70 Jahren wird es als ein Altersheim der Stadt Zürich geführt, und seit 1997 ist es ein Spezialheim für Menschen mit Demenz. Ein Blick hinter die Mauern des alt-ehrwürdigen Hauses.

Die gelben, orangen und grünen Wände im Spezialheim Doldertal wirken warm und heimelig. «Dass sich unsere Bewohnerinnen und Bewohner sicher und geborgen fühlen, ist unsere erste Priorität», sagt Brigitte Meister. Sie ist seit 2006 Heimleiterin des Spezialheims für Menschen mit Demenz. Zusammen mit 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kümmert Brigitte Meister sich um das Wohl der 28 Heimbewohnerinnen und Heimbewohner. Wie eine grosse Wohngemeinschaft sei es im Haus, erzählt sie, während sie durch das Haus führt, das dieses Jahr 100-jährig wird. Eine Bewohnerin hakt sich bei Brigitte Meister ein und folgt ihr auf Schritt und Tritt. Was sie da mache, will sie wissen. Die Heimleiterin erklärt es ihr feinfühlig. Immer wieder fragt die ältere Frau dasselbe, bis sie sich lieber der Hauskatze Mitzeli zuwendet. Viel Geduld und Einfühlungsvermögen brauchen die Angestellten. «Aber die Bewohnerinnen und Bewohner geben uns auch sehr viel zurück», sagt Brigitte Meister und hilft einem alten Mann die Treppe hinunter. Die Mitarbeitenden begegnen den Bewohnerinnen und Bewohnern mit Respekt und Achtung und tun alles, um ihnen möglichst viel Lebensqualität zu bieten. So machen sie Ausflüge und Darbietungen oder kochen in Kleingruppen und mit individueller Betreuung.

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Zimmer individuell eingerichtet

Insgesamt 28 Betten bietet das Spezialheim Doldertal, das zu den Altersheimen der Stadt Zürich gehört. 1986 wurde es vom Stadtrat ins kommunale Inventar der schützenswerten Bauten aufgenommen – was dem Denkmalschutz gleichkommt. Das Haus liegt im stillen, baumbestandenen Doldertal, am Rand eines Villenquartiers. Ein geschützter Gartenrundgang erlaubt den Bewohnern jederzeit, alleine nach draussen zu gehen. Eine grosse Terrasse und schöne Aufenthaltsräume laden ein zum Verweilen, Mitmachen oder Musizieren. Die Zimmer können die Bewohner selber mit ihren eigenen Möbeln einrichten, nur das Bett ist bei allen gleich. So steht in einem Zimmer ein Klavier, in einem anderen ein alter Sekretär, und in einem dritten hängen ganz viele Bilder von den Enkelkindern an den Wänden. Obwohl im Spezialheim Doldertal grosser Wert auf Sicherheit gelegt wird, ist es kein Sicherheitstrakt, stellt Meister klar. So kann es ab und zu passieren, dass eine Bewohnerin oder ein Bewohner aus dem Haus geht und den Weg zurück nicht mehr findet. Denn auch wenn sie viel vergessen, sind sie doch ganz schön clever. «Eines Tages hat ein junger Mann an der Tür geklingelt und gesagt, dass er wohl einen Seich angestellt hätte», erzählt die Heimleiterin. Er hatte einer Bewohnerin geholfen, über den Zaun, der rund ums Haus ist, zu klettern. Erst später wurde ihm bewusst, dass er ein Fluchthelfer war. «Wir haben die Bewohnerin aber kurz darauf wieder gefunden und gesund zurück ins Haus gebracht», versichert Brigitte Meister.

Neuer Wintergarten

1996 stand das «Doldertal» – wie andere Kleinheime auch – zur Streichung im Sparpaket des Stadtrats. Da jedoch ein Konzeptvorschlag für ein Spezialaltersheim für demenzkranke Menschen vorlag, entschied der Stadtrat, dass das «Doldertal» in der neuen Form bestehen bleibt. Es wurde bei vollem Betrieb innen leicht umgebaut. Die Heimleiterwohnung wurde dabei wegen Platzmangels wieder für Bewohnerinnen und Bewohner umgenutzt. Im September 1997 wurde der Betrieb offiziell nach neuem Konzept aufgenommen, wobei ein grosser Teil der bisherigen Bewohnerinnen und Bewohner bereits damals der neuen Ausrichtung entsprach. Seither wurden und werden immer wieder kleine organisatorische und bauliche Anpassungen vorgenommen, um den verändernden Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner im Verlauf ihrer Krankheit gerecht zu bleiben. 2010 wurde auf Anregung des Vereins Freunde Altersheim Doldertal ein Wintergarten auf der Terrasse erstellt. Der Verein organisierte die Finanzierung der Möbel. 2012 wurde der abfallende Garten aufgeschuüttet, sodass für die Bewohner eine grössere Nutzungsfläche entstanden ist. (Quelle: Züriberg, 5. September 2013, www.lokalinfo.ch)

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