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Vorstandsmitglied Hansruedi Winkelmann

Altersexperte Winkelmann

Interview Quartierzeitung

«Es braucht ein spezialisiertes Demenzzentrum für die ganze Stadt Zürich», sagt Altersexperte und Vorstandsmitglied Hansruedi Winkelmann.

16. Januar 2013. Ein städtisches Altersheim in Seebach steht wieder zur Diskussion, nachdem die Stadt 2010 entschied, das geplante Altersheim Köschenrüti nicht zu bauen. Ein Stück Land wird allerdings noch gesucht. «Zürich Nord» sprach mit Hans-Rudolf Winkelmann, Fachperson für Altersarbeit, ehemaliger Heimleiter und ehemaliger Leiter der Zentralstelle Spitex der Stadt Zürich.

Hans-Rudolf Winkelmann, ein Altersheim Seebach ist wieder ein Thema. Der Stadtrat ist jetzt offensichtlich auch der Meinung, dass der Bedarf ausgewiesen ist. Was sind ihre spontanen Gedanken?

Der Stadtrat hatte sich seinerzeit ein Legislaturziel gesetzt, dass alte Menschen in der Stadt Zürich nicht länger als sechs Monate auf einen Altersheimplatz warten sollten. Bei Wartefristen von über drei Jahren war es für mich seinerzeit ein absoluter Skandal, dass das fertig projektierte Altersheim Köschenrüti, vordergründig aus finanzpolitischen Gründen, einfach gestrichen wurde. Jetzt beginnt wieder eine millionenteure Planung und Projektierung. Ich hoffe, dass der jetzige Stadtrat etwas gescheiter geworden ist.

Gedacht wird an ein Alterszentrum für 120 Menschen. Wird dies genügen?

Im Gegensatz zu vielen anderen Städten in der Schweiz hatte Emilie Lieberherr die Vision, dass jedes Stadtquartier ein eigenes Altersheim haben sollte. Dieser quartierbezogene Ansatz ist aus meiner Sicht das Erfolgsmodell der Altersheime in der Stadt Zürich. Dass immer noch Bewohnerinnen und Bewohner dieser Stadt, wegen des grossen Mangels an Altersheimplätzen, in einem Notfall einen Platz ausserhalb der Stadt Zürich suchen müssen, ist für viele betroffene alte Menschen eine Katastrophe. Würden diese Heime aufgehoben, wären die Wartefristen noch länger. So gesehen, sind für mich die 120 Plätze ein Tropfen auf den heissen Stein. Kommt dazu, dass die jetzigen Einrichtungen mit den kleinen Einzelzimmern nicht den Lebens- und Wohnbedürfnissen von uns alten Menschen entsprechen. Ich bin jetzt 70 Jahre alt und würde mir als Einzelperson ein Altersheim wünschen mit einem Schlafzimmer und einem Wohnzimmer.

Bei der Tramendhaltestelle Seebach sind Alterswohnungen entstanden, und im Köschenrüti werden solche erstellt. Warum genügen Alterswohnungen nicht?

Grundsätzlich entsprechen Alterswohnungen einem grossen Bedürfnis, da auch in Zürich Nord nicht wenige Wohnungen an Hängen gebaut sind, keinen Lift haben oder nur über Treppen erschlossen sind. Der Abriss von preisgünstigen Wohnungen und die Zuwanderung von qualifizierten Personen aus dem Ausland verstärken die Wohnproblematik für ältere Menschen. Alterswohnungen sind aber kein Ersatz für Altersheime. Wer keinen Haushalt mehr führen kann oder in der Mobilität eingeschränkt ist, wird dankbar dafür sein, wenn er in einem Altersheim leben kann mit den entsprechenden internen Verpflegungsmöglichkeiten, hauswirtschaftlichen Angeboten, Anlässen, Aktivierung, Coiffeur, Cafeteria, Pedicure, Therapie, Bibliothek und anderem. Vor allem aber sind im Altersheim Betreuung und Pflege rund um die Uhr, meist bis zum Tode, sichergestellt.

Könnten Sie sich neue Konzepte vorstellen, zum Beispiel Alterswohnungen, Altersheim, Demenzabteilung gemischt?

Wenn ein neues Alterszentrum in Seebach geplant wird, so sollte es wirklich ein Zentrum für die ältere Generation sein, mit Altersheimplätzen, Alterswohnungen, Pflegewohngruppen, Soziokultur, Spitex und Beratung. In dieser Stadt brauchen wir quartierbezogene Alterseinrichtungen mit ganz verschiedenen Angeboten für die ebenfalls sehr unterschiedlichen Lebens- und Wohnbedürfnisse von alten Menschen. Die Stadtverwaltung sollte endlich mit dem unvernetzten «Gärtchendenken» aufhören – hier Altersheimplätze, hier Alterswohnung, hier Pflegezentren und da Spitex-Stützpunkte. Im Demenzbereich bin ich der Meinung, dass wir endlich ein grosszügiges, spezialisiertes Demenzzentrum für die ganze Stadt Zürich benötigen (Beratung, Begleitung, Schulung, Abklärung, Nachtplätze, Tagplätze, Ferienplätze, Notfalleinrichtungen, Wohngruppen, Pflegeeinrichtungen usw.). Jetzt sind all diese Angebote in der ganzen Stadt verteilt und Betroffene und Angehörige müssen sich Hilfe und Unterstützung überall zusammensuchen.

Quelle: www.lokalinfo.ch